2.2.
Heute wäre ja eigentlich unsere Busfahrt nach Salta über einen 4800m hohen Pass auf dem Plan gewesen, aber die Busse fuhren immer noch nicht und wir waren froh, dass wir das Flugticket gekauft hatten. Unsere einzige Sorge war, dass die Straße nach Calama und damit zum Flughafen noch länger gesperrt sein könnte, was dann aber zu unserer großen Erleichterung nicht eintraf und wir nach dem Frühstück gleich losfuhren, denn das Auto musste bis halb 12 dort abgegeben werden.
Als dies erledigt war, folgte eine zähe Wartezeit bis 8h abends, was wir mit Sudokus, Lesen und Essen überstanden. Kurz nach 10h landeten wir in Santiago, organisierten ein Taxi und fuhren Punkt 11h vor dem Hotel vor, das uns Hermann mitten im Zentrum gebucht hatte. So schnell kann's auch gehen, wenn man keine Sky Airlines Mitarbeiter auftreiben muss!
Unser Zimmer lag im 21.Stock, hatte eine kleine Küchenzeile und zwei Schlafbereiche und war dazu noch spottbillig. Harald freute sich, wieder in der Stadt zu sein und wir planten die nächsten zwei Tage. Es ging offensichtlich wieder aufwärts!
Leider war das ein Trugschluss, denn am nächsten Tag folgte, zumindest für mich, der Super-Gau...
Der Tag begann recht unspektakulär: wir klapperten die Sehenswürdigkeiten wie den Präsidentenpalast La Moneda und die Plaza de Armas ab, wo wir auch noch schnell durchs Nationalmuseum streiften. Es war Sonntag und keine Hektik auf den Straßen; einige Straßen waren sogar für Radfahrer und Fußgänger gesperrt. Wir schlenderten gemütlich weiter in Richtung Bellavista, einem bunten Viertel am Fuße des Hügels Cerro San Cristóbal, den man mit einer historischen Seilbahn Kräfte schonend bezwingen kann, was sich bei 36 Grad auch empfahl und wir nahmen das Anstehen in der Schlange gerne auf uns. Von oben hat man einen grandiosen Blick über die Stadt und die fast ständige Smogwolke über der Stadt hielt sich heute in Grenzen, sodass man auch die Bergen gut sehen konnte.
Wieder unten wanderten wir in Bellavista herum, löschten unseren Durst und trafen auf einem kleinen Platz mit vielen Boutiquen und Restaurants zufällig auf ein deutsches Ehepaar, das wir aus San Pedro kannten, und das wie wir die Reisepläne ändern musste und auch dazu noch im gleichen Hotel abgestiegen war. Gemeinsam tranken wir einen Cocktail und trennten uns dann wieder. Wir überlegten kurz zum Hotel zurückzugehen, doch dann beschlossen wir hier zu bleiben und nach einem Restaurant zu suchen. Nach dem Studieren mehrerer Speisekarten entschieden wir uns schließlich für ein Restaurant und setzten uns an einen Tisch im Außenbereich. Die Rucksäcke lagen gut sichtbar auf den Stühlen neben uns, man ist ja schließlich kein Anfänger, haha! Zum Essen nahm ich meine durch Foto und Handy doch etwas sperrige Bauchtasche ab und versteckte sie hinter meinem Rucksack.
Nach dem Essen war ich mit Bezahlen an der Reihe und griff hinter meinen Rucksack, um die Kreditkarte aus der Bauchtasche zu holen, doch nun kam der Super-Gau: die Bauchtasche war weg!!! Mich traf fast der Schlag! Wie war das möglich?? Die Erklärung bekam ich kurz danach, denn das Lokal hatte eine Videoüberwachung und so konnte ich mir den ganzen Hergang noch mal genau ansehen: nachdem unser Nebentisch frei geworden war, setzten sich zwei Typen dort hin, standen aber schon bald wieder auf und verließen das Restaurant wieder. Hermann hatte zu dem Zeitpunkt noch gemeint ' Denen gefällt es hier wohl doch nicht!' Im Video war deutlich zu sehen, wie der eine neben mir kurz seinen Arm mit der darüber hängenden Jacke neben meinen Rucksack hielt und die Bauchtasche hervorzog. Den Rucksack hatte ich die ganze Zeit im Blick!
Und damit begann eine lange Odyssee der Schadensbegrenzung, denn es waren außer Handy, Foto und einem kleinen Geldbeutel mit wenig Bargeld halt auch noch zwei meiner drei Kreditkarten drin!
Der Restaurantbesitzer verständigte die Polizei und dank Haralds Handy und Aldi Talk konnten wir die Karten gleich sperren lassen. Von der Polizei ließ sich niemand blicken und so machten wir uns selbst auf den Weg und fanden ein paar Blocks weiter eine Straßenstreife. Die meinte, wir müssten zum Kommissariat, das 2-3 Kilometer entfernt war, empfahl aber ein Taxi für 2000-3000 Pesos (ca. 2,60-3,90€), da die Gegend sehr unsicher sei. Der Polizist hielt für uns
auch extra noch ein Taxi an und erklärte dem Fahrer, wo wir hin mussten. Während der Fahrt erzählte ich ihm von meinem Pech und er fuhr und fuhr und wir wunderten uns, wie lange das ging. Hermann verfolgte das Ganze auf dem GPS und stellte fest, dass wir große Bogen fuhren! Als wir schließlich ankamen, stand das Taximeter bei 12800 Pesos!! Ich hatte in dem Moment aber keinen Nerv mehr mich mit ihm herumzustreiten, obwohl klar war, dass er uns gelinkt hatte! Jetzt, im Nachhinein, hätten wir ihn gleich zur Polizei mit rein nehmen sollen, da hätte er sich beschweren können - aber so ist es halt oft: hinterher weiß man es besser!
Zu meiner großen Erleichterung konnte einer der beiden Polizeibeamten Englisch und ich schilderte den Tathergang. Wir zeigten ihm auch das Foto des Diebs, denn Hermann hatte es vom Video abfotografiert, und so machte er auch ein Bild davon. Er meinte, Bellavista sei eines der bekanntesten Viertel für Taschendiebe, da es von Touristen auch nur so wimmelt! Und ausgerechnet mich hatte einer ausgespäht. Dabei hatte ich mich so sicher gefühlt, denn es war wenig los als wir dort waren! Ich ärgerte mich riesig über so viel Naivität und Unvorsichtigkeit! Aber nun war es halt passiert!
Ein Polizeibeamter hielt für uns ein Taxi zurück zum Hotel an, das diesmal nur 2300 Pesos kostete; doch als wir bezahlen wollten, meinte der Fahrer, es sei umsonst!?!? Wir waren total überrascht und bedankten uns etwas ungläubig.
Bis weit in die Nacht und den ganzen darauffolgenden Tag war ich dann mit Email Schreiben beschäftigt...
Hermann und Harald halfen, so gut so konnten, und machten sich dann an ihrem letzten Tag noch alleine auf, die Stadt zu erkunden. Mir war eh nicht danach.
Da ich nun kein Whatsapp mehr hatte, konnte ich nur noch per Email Kontakt halten und schrieb meine Freundin Maria in Santiago an; sie sollte mich dann statt am Flughafen einen Tag früher im Hotel abholen. Doch ich bekam keine Antwort von ihr. Da ich weder ihre Adresse noch Telefonnummer hatte, wurde ich recht beunruhigt, denn sie wusste ja auch nicht wo ICH war! So schrieb ich auch Eliana an, eine weitere Freundin aus Chile, die ich bei Maria treffen sollte, in der Hoffnung, dass sie die Mail liest und an Maria weiterleitet. Zu meiner großen Erleichterung kam dann sowohl von Eliana als auch von Maria eine Rückmeldung und ich konnte meine Suche nach Alternativunterkünften in Santiago einstellen.
Abends gingen Hermann, Harald und ich zum letzten Mal zusammen Essen und wir einigten uns auf ein indisches Restaurant, 1,3km vom Hotel entfernt. Harald ließ sich schließlich doch zu einem Fußmarsch dorthin überreden - die Aussicht auf ein richtig scharfes Essen verlieh ihm irgendwie Flügel! Ums kurz zu machen: wir fanden den Inder nicht und Harald war ganz und gar nicht amused! Schließlich steuerte er auf ein Restaurant zu und nach kurzer Besprechung ließen wir uns dort nieder und aßen zusammen eine riesige Paella! Dabei beobachteten wir eine für uns recht merkwürdige Szene: am Nebentisch saß ein älteres Ehepaar und plötzlich kam der Ober und band den beiden ein großes Lätzchen um! Wir waren gespannt, was die wohl zu essen bestellt hatten, aber es waren keine langen Spaghetti mit Tomatensauce oder so. Das gleiche passierte dann noch an einem anderen Tisch. Nun ja, andere Länder - andere Sitten!
Nach dem Essen marschierten wir durch abendliche Santiago und erreichten wohlbehalten unser Hotel, wo wir zusammen eine Flasche Wein tranken und auf unsere doch sehr amüsanten gemeinsamen 4 Wochen zurück schauten. (Von meinem Lapsus mal abgesehen!)
Inzwischen bin ich bei meiner Freundin Maria gelandet, die ein wunderschönes Häuschen samt Pool auf dem Lande bewohnt. Sie hat mir geholfen ein neues Handy zu besorgen (vielen Dank, Bernd, für den so hilfreichen Tipp!) und eine Telefonkarte zu aktivieren, und nun kann ich wieder aktiv am Leben teilhaben!!!
Wer mich also über Whatsapp kontaktieren möchte, muss sich schnell über meine chilenische Nummer bei mir melden:
+56 999698239








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